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Perspektivenwechsel – ein Projekt aus dem Deutschunterricht

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Betrachte die Dinge mal anders!

Die 4A und die 4M haben sich in den letzten Wochen im Deutschunterricht mit der Erzählperspektive in Kurzgeschichten befasst und beim Erzählen verschiedene Perspektiven übernommen. Dabei wurden die auktoriale, die neutrale und die personale Erzählperspektive ausprobiert.

Kurzgeschichten, wie zum Beispiel „Schiffe“ von Marlene Röder, wurden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, durch den anderen Blickwinkel sind viele tolle Texte entstanden.

Dass die Perspektive nicht nur in Texten eine wichtige Rolle spielt, zeigen die Videos und Fotos, die die Schüler/innen zum Thema „Perspektivenwechsel“ gemacht haben.  

 

Einige besonders gelungene Beiträge könnt ihr euch im Video anschauen und hier lesen:

 

„Schiffe“ von Marlene Röder

Ich sollte aufhören, Fisch zu essen. Dann würde ich jetzt nicht an dieser dämlichen Theke anstehen und so tun, als hätte ich dich nicht bemerkt.

Wie lange ist es jetzt her? Acht Monate, neun? Die Linie deines Nackens. Deine Hände. Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der die Texte auf den Rückseiten von Verpackungen liest.

Du hast mich auch gesehen. Ich beobachte aus den Augenwinkeln, wie du zu mir rüberguckst. Ein kurzes Zögern. Dann kommst du geradewegs auf mich zu, den Kopf erhoben. Ich bin der Dritte in der Schlange an der Fischtheke. Mein Herz klopft, meine Hände sind feucht. Die toten Fische riechen nach Meer.

„Hallo, Noah“, sagst du.

„Hallo, Sarah“, sage ich und dann ist da diese Stille. Nur durchbrochen vom tiefgekühlten Geklimper der Supermarktmusik.

Vielleicht denkst du auch an das Ferienhaus auf der Insel. Fährst du immer noch hin?

„Ist das nicht langweilig, jeden Sommer am selben Ort?“, habe ich dich damals gefragt.

Aber du hast gelächelt. „Nein. Es ist wie nach Hause kommen. Außerdem ist ja Jill da.“

Manchmal ist deine Cousine mitgekommen, wenn wir an den Strand gegangen sind. Jill hat es gemocht, ganz nahe an der Wasserlinie entlangzulaufen und im letzten Augenblick wegzuhüpfen, wenn die Wellen gekommen sind. Du hast den warmen Sand unter deinen Füßen gemocht.

Aber meistens sind wir zu zweit gewesen, wenn wir auf die Suche nach Strandgut gegangen sind: milchig geschliffene Glasscherben, verlassene Häuser von Einsiedlerkrebsen.

Einmal hast du ein Stück altes Fischernetz gefunden. Du hast es hochgehoben, durchgeguckt. „Hey, Noah-Fisch!“, hast du gesagt und gelacht. „Ich hab dich gefangen.“

Das Netz hat Schattenrauten auf dein Gesicht gezeichnet. Die kleine weiße Narbe an deinem Kinn. Ich habe jede Raute, jeden Quadratzentimeter von dir gekannt damals.

Inzwischen trägst du dein rotbraunes Haar kürzer. Es gefällt mir nicht, es ist nicht mehr meins.

Wir stehen jetzt zusammen an. Ich bin in der Schlange vorgerückt, nur noch ein alter Mann ist vor mir. Ich kann die Fische hinter der Glasscheibe der Theke sehen, gebettet zwischen Eiswürfeln. Ihre Augen sind blind.

Sind die Fensterbänke eures Ferienhauses immer noch mit Schiffen vollgestellt? Du hast sie mit deiner Familie gebaut. Und fünf sind von uns gewesen.

Fünf Schiffe in zwei Sommern.

Das schönste hatte einen vergessenen Schuh mit angeklebten Muscheln als Rumpf. Ein Stück Fischernetz als Segel. Zwei bemalte Korken als Passagiere.

„Wir beide“, hast du gesagt.

„Komm, wir probieren es aus und lassen es auf dem Meer schwimmen“, habe ich vorgeschlagen.

Diese kleine Falte ist zwischen deinen Augenbrauen erschienen. „Ach, lass mal. Wär doch schade, wenn es umkippt und sinkt.“

Ich habe etwas sagen wollen, doch nicht gewusst, was. Also habe ich nur die Achseln gezuckt und zum Fenster rausgeguckt. Draußen hat Jill auf einem Handtuch in der Sonne gelegen. Ihre Hände sind langsam über ihre gebräunte Haut gewandert, während sie sich die Beine eingecremt hat.

„Wie geht es dir?“, frage ich. Mir fällt nichts Besseres ein.

„Oh, ganz gut.“ Du lächelst. Ich weiß nicht, ob es Glück ist oder etwas anderes. „Ich bin jetzt seit einem halben Jahr wieder mit jemandem zusammen. Er heißt Jörg.“

„Schön“, sage ich, „schön für dich“, und würde am liebsten nach Jill fragen. Nur um dein Gesicht zu sehen. Aber dann lasse ich es, weil ich weiß, dass ich mir mies vorkommen würde.

„Und bei dir so?“, fragst du.

Die Antwort bleibt mir erspart.

„Ja, bitte?“ Die Frau hinter der Fischtheke sieht mich ungeduldig an. Sie trägt Plastikhandschuhe, keimfrei. Mir ist entfallen, was ich kaufen wollte, also zeige ich auf den nächstbesten Fisch. Er ist braun und sieht aus wie ein Tiefseemonster.

„Seeteufel?“, fragt die Fischfrau.

„Ja.“

Jörg heißt er also. Ich frage mich, ob er auch Schiffe mit dir baut und ob du ihm unsere gezeigt hast. Die gehen ihn nichts an. Schließlich sind es auch meine. Soll er eigene bauen, falls du ihn dazu kriegst.

„Neununddreißig Euro sechzig“, sagt die Fischfrau und verpackt den Fisch, den ich mir eigentlich gar nicht leisten kann, sorgfältig in eine Plastiktüte.

Ich zahle, du stehst daneben.

„War nett, dich mal wiederzusehen, Noah“, sagst du.

„Ja“, antworte ich. „Also dann ... ich muss jetzt mal wieder.“

Du nickst. „Ja, klar. Tschüss.“

Ich gehe. Ich gehe und nach fünf Schritten ruft mir die Fischfrau nach, dass ich meinen Fisch vergessen habe. Als ich zurücklaufe, die Schultern zucke, ach-kann-doch-mal-passieren, erhasche ich aus den Augenwinkeln deinen Blick.

Ich muss daran denken, wie du mich durch das Fischernetz angesehen hast, damals auf der Insel.

Einen Moment lang will ich dir sagen, dass du unsere alten Schiffe verbrennen sollst. Ein Feuer ist besser, als langsam auf dem Fensterbrett zu verstauben. Aber dann nehme ich nur meine Plastiktüte und gehe.

Lange laufe ich durch die Stadt. Irgendwann bleibe ich am Kanal stehen, einem trüben Wasserstreifen zwischen schnurgeraden Betonmauern.

Ich habe kein Schiff, aber ich habe einen Fisch, und das ist fast noch besser. Er ist schwer, ein totes Gewicht. Ich reiße die Plastiktüte auf.

Soll der Scheißseeteufel doch zurück zur Insel schwimmen oder sonst wohin!

In dem Moment, als ich ihn werfe, sieht er fast wieder lebendig aus.

Dann trifft er auf die Wasseroberfläche und sinkt wie ein Stein.

 

„Schiffe“ von Marlene Röder, erzählt aus der Ich-Perspektive von Sarah

Schon so spät, ich sollte mich beeilen, nach Hause zu kommen. Eigentlich fehlt nur noch der Fisch, aber gerade an der Fischtheke stellen sich so viele Leute an, dass es sicher Ewigkeiten dauert, bis ich endlich dran bin. Da durchzuckt mich ein kurzer Schreck, das ist doch Noah, der da in der Reihe steht. Sicher hat er mich schon gesehen, ich kann jetzt leider nicht so tun, als hätte ich ihn nicht bemerkt. Was solls, Augen zu und durch.

„Hallo, Noah“, sag‘ ich leise. Sicher weißt du nicht, was jetzt gerade in mir vorgeht.

„Hallo, Sarah“ sagst du und dann nichts mehr. Du schaust mir kurz in die Augen und dann knapp an mir vorbei.

Kurz überlege ich, dich zum Kaffee trinken einzuladen, doch dann kommt mir Jörg in den Kopf.

„Wie geht es dir?“, fragt er schließlich und schaut musternd in die Fisch-Theke.

„Gut, bin jetzt mit Jörg zusammen, und dir?“, erwidere ich, während ich an unsere gemeinsamen Urlaube auf der Insel denken muss. Ich bemerke wie unglücklich du bist. Du warst doch selbst zu blöd. Ich dachte immer du stündest auf Jill. Blöd nur, dass sie kein Interesse an dir hat. Hättest dich besser entscheiden müssen. Jetzt bin ich mit Jörg zusammen, und glücklich.

„Mir geht es bestens“, glaubst du vortäuschen zu können. Jetzt nimmst du den hässlichsten Fisch im ganzen Laden, und stellst dich neben mich in die Schlange. Eine Zeit lange starren wir uns nur an und als ich gezahlt habe, warte ich noch kurz auf dich. Halbherzig sag ich: „War nett, dich mal wiederzusehen, Noah!“, sag‘ ich. „Ja“, meint er. „Also dann… ich muss jetzt mal wieder.“ Ich nicke. „Ja, klar. Tschüss.“ und wir gehen jeweils unsere eigenen Wege. Auf einmal höre ich aus dem Geschäft die Kassiererin schreien. Du hast wohl deinen Fisch vergessen.

(Text von Florian E. aus der 4a)

 

 

 

„Schiffe“ von Marlene Röder, erzählt von einem neutralen Erzähler

Noah steht an der Fischtheke, er erblickt Sarah und sieht sie an. Das Mädchen schaut zurück und kommt mit erhobenem Kopf auf Noah zu, welcher als Dritter in der Schlage an der Fischtheke steht.

„Hallo, Noah“, sagt sie. „Hallo, Sarah“, antwortet er und dann wird es still, man hört nur noch das Geklimper der Supermarktmusik.

Nun stehen sie zusammen an, Noah ist in der Schlange vorgerückt und ein alter Mann steht vor ihm, er sieht nachdenklich aus.

„Wie geht es dir?“, fragt er. Sarah berichtet ihm, dass es ihr ganz gut gehe und sie seit einem halben Jahr mit einem Mann namens Jörg zusammen sei. „Schön, schön für dich“ antwortet Noah.

„Und bei dir so?“, erwidert sie. Er sagt nichts.

„Ja, bitte?“, brabbelt die Frau hinter der Fischtheke und sieht ihn ungeduldig an. Sie trägt Plastikhandschuhe. Noah zeigt auf einen Fisch, der aussieht wie ein Tiefseemonster.

„Seeteufel?“, bemerkt die Fischfrau und der Junge antwortet mit „Ja“.

„Neununddreißig Euro sechzig“, informiert die Frau hinter der Theke Noah und verpackt den Fisch sorgfältig in eine Plastiktüte.

Er zahlt, Sarah steht daneben.

„War nett, dich mal wiederzusehen, Noah“, entgegnet sie ihm. „Ja“, antwortet er erneut „Also dann … ich muss jetzt mal wieder“. Sarah nickt „Ja, klar. Tschüss“.

Der Junge marschiert davon, jedoch schreit ihm die Fischfrau nach, dass er seinen Fisch vergessen habe. Er geht zurück, zuckt die Schultern, erhascht dabei nochmal Sarahs Blick, schnappt sich die Tüte und verschwindet aus dem Laden.

In der Stadt bleibt er am Kanal stehen, reißt die Plastiktüte auf und schmeißt den Fisch, welcher beim Wurf sehr lebendig aussieht, ins Wasser.

Schlussendlich trifft er auf die Wasseroberfläche und versinkt, als wäre er ein Stein.

(Text von Teresa R. aus der 4m)

 

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