BRG Steyr

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Förderpreis von Univ.-Prof. Dr. Franz Karl Stanzel

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Am Freitag, 25. Oktober 2019,

  • nehmen die Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klassen am Zeitzeugengespräch mit Prof. Franz Karl Stanzel im Museum Arbeitswelt teil
  • erhalten vier Schülerinnen und Schüler der 6B und Prof. Manfred Seidl stellvertretend für die gesamte 6.B-Klasse in Wien den media literacy award des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung für ihr Projekt "Am Seil"

Dieser Zufall ist ein schöner Anlass, die Gewinnerinnen und Gewinner des von Prof. Stanzel gestifteten Preises, deren Arbeiten am Ende des vorigen Schuljahres prämiert wurden, noch einmal in Erinnerung zu rufen.

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 Zum dritten Mal wurde im Schuljahr 2018/19 der von Prof. Franz Karl Stanzel gestiftete Preis für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe ausgeschrieben. Die besten Beiträge zum Jahresthema „Wandel“ wurden von einer Jury aus Lehrerinnen und Lehrern des BRG Steyr prämiert. Die Preisverleihung fand im Rahmen der Schulabschlussfeier am 5. Juli 2019 statt.

Preisträgerinnen und Preisträger

5B - Projekt „Am Seil

Die Schülerinnen und Schüler erstellten im Rahmen des Deutschunterrichts „intertextuelle Hörinstallationen“ sowie im Fach Bildnerische Erziehung Illustrationen zu Erich Hackls 2018 erschienenem Roman „Am Seil. Eine Heldengeschichte“ und präsentierten die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem Text Anfang April 2018 bei der Eröffnung des „Hermann-Langbein-Symposiums“ im Kongresssaal der AK Oberösterreich.

Nähere Informationen zum Projekt finden sich im Jahresbericht 2018/19 und auf der Homepage unter:

http://brg-steyr.eduhi.at/index.php?option=com_content&view=article&id=1754&catid=0.

 

Carmen Schedlberger (5A – 2018/19)

Bild „Im Wandel der Zeit

 

Sophie Aichinger (7A – 2018/19)

Bild „Und was ist mit meiner Zukunft?

 

Alexandra Hörmann (8B – 2018/19)

Bild „Ovids Metamorphosen: Medusa

 

Wahlpflichtgegenstand Englisch 7AB (2018/19)

Fotoalbum mit Texten „A change of heart

 

Alexandra Rotterbauer (7A – 2018/19)

Text „Umkehrpunkt

Das kann doch nicht wahr sein, denkt Adam, das kann doch nicht sein. Er hat ihn überfahren, er hat den Kerl da gerade voll erwischt. Was jetzt? Umdrehen? Zurückfahren? Nein, bloß nicht. Adam steigt aufs Gas, so schnell wie möglich will er hier weg. Er zwingt sich, nicht in den Rückspiegel zu sehen. Die Augen stur geradeaus richten. Immer nur geradeaus. Da ist schon die Kreuzung, jetzt links abbiegen. Gut, keiner da. Das würde ihm gerade noch fehlen. Der Wald fliegt förmlich an ihm vorbei, er muss langsamer fahren, etwas auf die Bremse treten. Aber auch nicht zu langsam, ja nicht. Daran denken, was gerade passiert ist, will er nicht. Aber es gelingt ihm nicht, es aus seinen Gedanken fernzuhalten. Wie konnte das nur passieren? Wie? Langsam steigt Panik in Adam auf, sie schleicht sich an ihn heran wie eine Löwin an ihre Beute und wird mit jedem Sekundenbruchteil größer. Sein Herz beginnt wie verrückt zu rasen, er atmet schnell und unregelmäßig. Jetzt bloß nicht ausrasten, er muss sich auf die Straße konzentrieren und weiterfahren. Ist er unaufmerksam gewesen? Hat er nicht aufgepasst? Nein, so war es nicht. Der Mann war auf einmal einfach da, ist wie aus dem Nichts aufgetaucht. Und dann … Sein Herz schlägt gleich noch viel schneller, aber er muss sich zusammenreißen. Vielleicht hat er ihn ja gar nicht so schlimm erwischt, vielleicht hat er ihn nur leicht gestreift. Nur ganz leicht. Adam weiß selbst, dass das völliger Schwachsinn ist.

Bernd liegt mit dem Gesicht in der feuchten Erde. Er glaubt, er kann sich nicht bewegen. Alle seine Gliedmaßen fühlen sich taub an. Er versucht, den Kopf etwas zu drehen, sodass seine Nase zumindest nicht mehr im Dreck steckt. Es geht ein bisschen, doch sofort fährt ihm ein scharfer Schmerz durch den Nacken. Aus den Augenwinkeln sieht er verschwommen den verdrehten Winkel, in dem sein Bein absteht. Er hasst den Geschmack von Blut in seinem Mund, er hat ihn immer schon gehasst. Einen so ekelhaften Geschmack gibt es sonst nicht. Doch es ist nicht nur sein Mund, der blutet. Aus seiner Position sieht er zwar nicht gut, aber er kann erkennen, dass auch noch so einiges mehr blutet. Nicht mehr nur Bernds Nacken schmerzt. Der Schmerz ist überall, sein Schädel scheint gerade in tausend Teile zu zerspringen, eine Faust nach der anderen schlägt ihn in den Bauch. Bildet er sich das nur ein oder ist es auf einmal furchtbar kalt? Kalt? Warum denn kalt, es ist doch ein so warmer Tag?

Er wird zu spät kommen, viel zu spät. Eilig schließt er ab und hastet mit Riesenschritten zum Auto. Gerichtstermin um halb zwölf, wunderbar. Was wohl Mira sagen wird? Da sehen Sie, wie verantwortungslos er ist, ich habe Ihnen doch gesagt, ihm muss das Sorgerecht für meine Kinder entzogen werden. Sonst kann ich als Mutter keine Nacht mehr ruhig schlafen. Diese verlogene, miese …. Doch er will sich beherrschen. Heute muss Christoph unbedingt einen kühlen Kopf bewahren. Heute geht es um alles. Er macht das Autoradio an, um sich etwas zu beruhigen. Keine Minute später will er es wieder abschalten, die fröhlich zwitschernde Stimme der Moderatorin macht ihn nervös. Halt, Verkehrsnachrichten. Könnte etwas Relevantes sein. Na toll, Stau auf der Bundesstraße. Wie soll er da noch rechtzeitig kommen? Er wird wohl den Umweg über die schmale Straße durch den Wald nehmen müssen.

Adams Hände schwitzen wie wahnsinnig, das Lenkrad hält er umklammert wie einen Rettungsring. Fast schon hat er vergessen, wohin er eigentlich fahren wollte. Das ist jetzt immerhin zweitrangig. Ob der Kerl noch lebt? Aber natürlich lebt er, der kann sich doch gar nicht so viel getan haben, sagt Adam auf einmal laut zu sich selbst. So als würde dieser Satz überzeugender werden, wenn man ihn ausspricht. Der kann sich doch gar nicht so viel getan haben? Pah, für so viel Naivität würde Adam sich gern selbst auslachen, wenn er nicht am liebsten wie ein kleines Kind losheulen würde. Jetzt nicht daran denken, nur nicht daran denken. Was wird passieren, wenn jemand diesen Mann findet? Wird gleich die Polizei verständigt oder dauert das noch ewig? Man wird sich doch vorher um den Mann kümmern, bevor man Zeit findet, die Polizei zu informieren. Bestimmt wird man das so machen. In welchem Umkreis die wohl suchen werden? Er beschleunigt sein Tempo leicht. Hat er etwa Blut am Auto? Verrät ihn irgendetwas? Er muss anhalten und nachsehen. Aber er kann jetzt nicht anhalten, er kann einfach nicht. Er muss weiterfahren. Er muss so viel Distanz wie möglich zwischen sich und diese Stelle neben dem Feld bringen. Gerade wegen der Polizei. Wenn die in kriegen, was dann? Dann ist er erledigt.

Eine Stunde muss er schon hier liegen, mindestens! Wenn nicht sogar zwei Stunden oder drei. Spielt ja auch letztendlich keine Rolle, Hauptsache es kommt bald jemand. Es kann doch nicht sein, dass auf dieser Straße nie jemand vorbeikommt. Die Zeit, die er hier blutend und stöhnend liegt, fühlt sich fast so lang an wie die letzten knapp sechzig Jahre. Sechzig Jahre! Eigentlich nicht zu fassen. Die Plagen des Alters haben ihn bis jetzt zum Großteil verschont, mit etwas Sport hat er sogar seine Rückenschmerzen wunderbar in den Griff bekommen. Und jetzt liegt er hier, angefahren wie ein Tier, wie ein Reh, das einem vors Auto gesprungen ist. Schon bitter. Er darf sich jetzt nicht aufregen. Er hat ohnehin das Gefühl, dass ihm alle Kräfte ausgehen. Und vor allem will Bernd jetzt nicht zornig sein. Gut, überhaupt nicht zornig zu sein, wird er jetzt nicht schaffen. Im Gegenteil, er ist so wütend, er könnte toben, hätte er die Kraft dazu. Bernd muss jetzt wirklich ruhig bleiben. Noch nie zuvor ist es ihm je so schlecht gegangen. Als er beinahe einen Blinddarmdurchbruch gehabt hätte, als er als Kind fast im See ersoffen wäre, noch nie hat er sich so gefühlt wie jetzt. Er sollte an etwas Schöneres denken, vielleicht ist das hier wirklich seine letzte Stunde. Letzte Stunde am Rand eines Feldes, mitten im Dreck. Immerhin – Natur. Er will den Schmetterling betrachten, der auf der Mohnblume dort drüben sitzt. Er will sich ganz auf ihn konzentrieren und auf nichts sonst. Was für ein Glück, dass der Schmetterling genau in seinem Blickfeld ist, wo er doch den Kopf nicht gut drehen kann. Er denkt an seine Töchter. Zu welch reifen Frauen seine bezaubernden Mädchen doch geworden sind. Er freut sich schon so auf sein Enkelkind, ob es wohl ein Mädchen oder ein Bub werden wird? Er kann doch nicht sterben, ohne ein einziges Mal sein Enkelkind gesehen zu haben.

Was hat er ihr denn bloß getan? Was denn bitte? Sie kann doch nicht ernsthaft glauben, dass sie Christoph von seinen Kindern trennen kann. Das kann sie doch nicht machen. Sie hat kein Recht dazu. Früher ist Lena, wenn sie schlecht geträumt hat, immer sofort zu ihm gekommen. Egal wie spät es war, er hat sich immer Zeit genommen für ihre Sorgen. Alles hat er versucht, um ihr die Angst zu nehmen. Er kann doch nicht zulassen, dass sein Augenstern sich so fürchten muss. Einmal haben sie zusammen ein riesengroßes Bild einer guten Fee gemalt, das er dann über ihr Bett gehängt hat. Die passt auf dich auf, während du schläfst, dann kann dir nichts passieren, hat Christoph ihr gesagt. Und es hat tatsächlich funktioniert. Die nächste Nacht hat sie seelenruhig geschlafen. Sie hat dann ein Bild für ihn gemacht, sie hat ihn so gezeichnet wie einen der Superhelden aus der Zeichentrickserie, die sie damals mit Dominik gesehen hat. Zu der Zeit war das mit Abstand Dominiks Lieblingsserie. Zum Fasching wollte er sich auch als Superheld verkleiden. Eine Ewigkeit haben er und Christoph an der Verkleidung gebastelt, denn sie war nie gut genug. Papa, ich schau doof aus. Ich schau ja aus wie ein Mädchen, Papa, hat er dann gesagt und sie haben das Kostüm wieder geändert. Am Ende war Dominik am Tag des Faschings krank, er hatte Fieber. Fast den ganzen Tag lang hat Christoph mit ihm Schnipp-Schnapp gespielt, dieses Spiel hätte Dominik damals tagelang spielen können. Er muss rechtzeitig kommen, rechtzeitig zu dem Gerichtstermin. Er muss um jeden Preis.

Adam ist so unbeschreiblich übel wie schon lange nicht mehr. Er muss jetzt doch rechts ran fahren. Beim Aussteigen ist ihm auf einmal schwindlig, beim Brechen muss er sich an einem Baumstamm festhalten. Er hustet und spuckt und fühlt sich elend – am allerwenigsten wegen der Kotze. Mit geschlossenen Augen versucht er, ruhig zu atmen. Es gelingt ihm nur mäßig. Zum ersten Mal wirft er jetzt einen Blick auf das Auto. Das da ist eindeutig Blut. Mit so viel hat er nicht gerechnet. So viel Blut muss irgendwo herkommen. Verdammt, er muss den Kerl so richtig erwischt haben. Was soll er jetzt nur machen? Was kann er eigentlich machen? Soll er mit dem Auto in einen kleinen Waldweg fahren, es dort einstweilen parken, das Kennzeichen abmontieren und zur nächsten Bushaltestelle gehen? Blöde Idee. Er könnte bei der Polizei anrufen und sagen, er hat ein Reh angefahren. Ja, das ist gut. Und was, wenn die merken, dass das Blut nicht von einem Reh ist? Überprüfen die sowas? Nein, bestimmt nicht, für sowas können die doch gar keine Zeit haben. Aber wenn sie von einem Unfall wissen? Und überhaupt geht man Polizisten besser aus dem Weg. Als er siebzehn war, ist einem aus dem Ort das Auto gestohlen worden. Wen hat man verdächtigt? Wen wollte man verhören? Natürlich ihn. Er hat weder den Bestohlenen noch das Auto je zuvor gesehen. Er war nicht einmal im Ort, als das passiert ist. Wahrscheinlich sieht sein Gesicht irgendwie kriminell aus. Die haben ihn erst in Ruhe gelassen, als der wahre Dieb aufgetaucht ist. Für die Wahrheit haben die sich nicht interessiert, die wollten bloß den überführten Verbrecher präsentieren, allen zeigen, wie gut sie auf die braven, anständigen Bürger aufpassen. Es ist gut, dass er weggefahren ist. Sich ja nicht wieder denen ausliefern. Die würden glatt wieder versuchen, ihn in eine Zelle zu stecken. Adam schaut sich um, in weiter Ferne kann er die Berge erkennen, ganz oben sieht man den Schnee hervorleuchten. Ob der Mann wohl eine Frau hat?

Das gibt’s doch nicht. Ist die Menschheit auf einmal ausgestorben, denkt Bernd verzweifelt. Der Schmetterling ist bis jetzt der einzige gewesen, der es für notwendig gehalten hat, hier vorbeizukommen und sogar der ist weggeflogen. Soll Bernd etwa für immer hier liegen bleiben? Die Schmerzen sind immer stärker geworden, jetzt gibt es keinen Körperteil mehr, der ihn nicht quält. Überhaupt scheint irgendjemand die Sonne ausgeschaltet zu haben. Nicht einmal im Winter hat er so gefroren wie jetzt. Bernd versucht, sich zu sammeln, er darf jetzt nicht die Nerven verlieren. All seine Kräfte muss er zusammennehmen, die ganze Willenskraft auf dieses eine Ziel konzentrieren: Nicht sterben. Er kann Erika, seine geliebte Frau, jetzt nicht alleine lassen. Er hat ihr noch nicht oft genug gesagt, wie sehr er sie liebt. Er hat sie noch nicht oft genug zum Lachen gebracht, sie sieht so schön aus, wenn sie lacht. Sie darf jetzt keinen solchen Grund zum Weinen bekommen. Und nicht nur wegen Erika, den Kindern und all den anderen kann es jetzt noch nicht vorbei sein. Auch sich selbst ist er es schuldig, noch ein wenig auf dieser Welt zu bleiben. Aber es fühlt sich so an, als würde sich dieser Wunsch nicht erfüllen. Kann nicht irgendjemand endlich kommen? Irgendjemand? Bernd hört das Geräusch eines sich nähernden Autos, der Himmel hört ihn, es gibt noch so etwas wie Wunder auf dieser Welt. Er sieht es, ein grünes Auto, es kommt näher und … Fährt einfach vorbei!

Liegt da etwa ein Mann neben der Straße? Ja, da war einer. Er hat ihn nicht so genau gesehen. Geht’s dem gut? Bestimmt geht’s dem gut. Darüber kann er sich jetzt keine Gedanken machen, er muss zum Gericht. Und was, wenn sich Christoph irrt? Er könnte schnell die paar Meter zurückfahren und sich nachher dafür extra beeilen. Nein, ausgeschlossen, dann kommt er nie rechtzeitig. Aber er sollte sich vergewissern. Entweder jetzt oder gar nicht, je mehr Distanz er zurücklegt, desto länger braucht er nachher, um zurückzufahren. Christoph seufzt tief und dreht um. Er fährt zurück zum Feld. Den hat es ja völlig erwischt. Lebt der überhaupt noch? Christoph hält an, reißt die Autotür auf und ist in fünf Sekunden bei dem Mann.

Irgendjemand wird ihm schon helfen. Es ist bestimmt schon jemand vorbeigekommen, der ihn gefunden hat. Wahrscheinlich ist sogar schon ein Arzt bei ihm. Aber was, wenn keiner ihn bis jetzt gefunden hat. Adam weiß, dass diese Straße nicht viel befahren ist. Unsinn, irgendwann fährt immer jemand vorbei. Aber wann? Wie viel Zeit hat der Mann noch? Vielleicht hat er nur ein paar gebrochene Knochen und nichts Gefährliches. Aber das kann Adam nicht wissen. Vielleicht sind es nicht nur Knochenbrüche. Wahrscheinlich ist es weit mehr als das. Was, wenn er lebensgefährlich verletzt ist und wirklich lange keiner kommt? Was, wenn er stirbt? Das kann Adam doch nicht zulassen, das darf nicht passieren. Adam steigt wieder ein und fährt so schnell wie möglich los, zurück zum Feld.

 

 

 

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