BRG Steyr

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Förderpreis von Univ.-Prof. Dr. Franz Karl Stanzel

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Zum zweiten Mal wurde im Schuljahr 2017/18 der von Franz Karl Stanzel gestiftete Preis für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe ausgeschrieben. Die drei besten Beiträge zum Jahresthema „Generationen“ wurden von einer Jury aus Lehrerinnen und Lehrern des BRG Steyr prämiert. Die Preisverleihung fand im Rahmen der Schulabschlussfeier am 6. Juli 2018 statt.

 

Preisträgerinnen

Sophie Aichinger (6A)

Bild „Generationen

Die sechs Bilder stellen paarweise drei unterschiedliche Situationen dar, jeweils in einer früheren Generation und in der Gegenwart. Obwohl zwei Bilder untereinander dasselbe Motiv zeigen, sind doch deutliche Unterschiede zu erkennen. Das Einzige, was eindeutig generationenübergreifend ist, sozusagen der rote Faden, ist das Bedürfnis nach Liebe und allem, was damit zu tun hat.
Das gleiche Aussehen und die ähnliche Mimik der Person sollen zum Ausdruck bringen, dass jeder von uns im Vordergrund stehen könnte.“ (Sophie Aichinger)

Alexandra Hörmann (7B)

Bild „Drei Generationen

 

Alexandra Rotterbauer (6A)

Text „Ohne Worte

Schmerzen und Angst überziehen den schwachen Körper der alten Frau wie eine bitterkalte Eisschicht. Keine Blumen, keine bunten Karten, keine Fotos der Familie auf dem Nachtkästchen. Öd, beinahe leer sieht das Krankenzimmer aus, beinahe leer bis auf das übliche Spitalsmobiliar und zwei Frauen, die nicht so recht wissen, ob sie einander nun beklommen anstarren oder dem Blick der anderen ausweichen sollen.

Roswitha weiß, sie muss jetzt etwas sagen, schließlich hat sie Laura gebeten, herzukommen. Laura, ihre Enkelin, die ihr mit ihrem viel zu stark geschminkten Gesicht und ihrer für ein Krankenhaus absolut unpassenden Kleidung gegenübersitzt. Laura, die ihre kranke Großmutter nur besucht, weil sie ihr ihr Auto, das sie mittlerweile nicht mehr fährt, versprochen hat. Die Frage ist, was nur sagen zu diesem Mädchen. Sie zählt zu ihren nächsten Verwandten und doch könnte sie ihr nicht fremder sein.

Laura überlegt. Sollte sie jetzt etwas sagen oder doch lieber warten, bis die gnädige Frau Großmutter ihr liebenswürdigerweise gestattet, zu sprechen? Im Zweifelsfall besser schweigen, sie wüsste ohnehin nicht, worüber sie mit ihr reden sollte. Mit ihr, der Großmutter, die ihre Enkelin nur bei sich haben will, weil alle anderen keine Zeit haben. Weil Lauras Eltern gerade am anderen Ende der Welt sind, hat sie tatsächlich Laura angerufen. Ansonsten kommt die Großmutter wunderbar ohne sie aus, aber vor ihrer Operation will sie nicht alleine sein, sodass auf einmal sogar Laura gut genug ist. Für was hält sie Laura eigentlich? Sie glaubt, sie müsse sie bestechen, damit sie zu ihr kommt. Dass sie schlecht über sie denkt, wusste sie schon immer, aber dass sie ihr nicht einmal den Anstand zutraut, ihre kranke Großmutter zu besuchen, wenn diese sie darum bittet, das hätte Laura nicht erwartet. Aber bitte, wenn ihr Charakter schon so beleidigt wird, dann kann sie die Bestechung doch ruhig annehmen, sonst müsste die alte Frau am Ende noch ihre vorgefertigte Meinung überdenken.

Vielleicht muss sie gar nichts sagen. Vielleicht denkt das Mädchen, wenn es sie so im Krankenbett liegen sieht, dass sie zu schwach ist, um zu sprechen. Nur einen winzigen Augenblick später schämt sich Roswitha für diesen Gedanken. Jemanden einladen und dann versuchen, nicht mit ihm sprechen zu müssen, was für eine feine Art. Als sie die kleine Laura vor siebzehn Jahren das erste Mal im Arm gehalten hat, hätte sie nie gedacht, dass sie sich mit diesem Kind einmal in einer so unangenehmen Situation befinden würde. Damals war die Kleine wirklich bezaubernd, das mit Abstand schönste Neugeborene, das sie je gesehen hatte. Schön ist die junge Dame gewiss auch jetzt, warum sie ihr Gesicht hinter einer Maske aus Make-up verbirgt, ist Roswitha ein Rätsel. Der Mensch, der ihr gegenübersitzt, ist ihr überhaupt als Ganzes ein Mysterium. Warum benimmt sie sich so? Obwohl sie klug ist, schreibt sie nur schlechte Noten in der Schule, weil sie sich keine Mühe gibt. Jede freie Minute scheint sie im Suff mit irgendwelchen zweifelhaften Freunden zu verbringen. Mit dem Wort „Leistung“ kann sie überhaupt nichts anfangen, sie lässt sich bloß von ihren Eltern sponsern und zeigt sich dafür kein bisschen dankbar. Wahrscheinlich ist sie einfach zu sehr verzogen worden, dafür kann sie nichts.

Schon lange hat sie die alte Dame nicht mehr gesehen, Laura kann wirklich nicht behaupten, dass sie darüber traurig wäre. Bereits als Kind hat sie sich nie so richtig darauf gefreut, die Großmutter zu besuchen. Immer war sie streng mit ihr, immer machte Laura alles falsch. Wenn sie früher bei Schulveranstaltungen ihre Freundinnen mit deren Großmüttern sah, dann sagten die ihnen immer, wie stolz sie auf sie waren. Laura hingegen war immer zu laut, zu ungeduldig, zu quengelig. Allerdings hat sich das mittlerweile geändert, jetzt ist sie zu unvernünftig, zu faul und zu verwöhnt. Sie hat keine Ahnung, warum sie dieser Frau nie irgendetwas recht machen konnte, aber eigentlich ist es ihr auch egal. Sie ist eben, wie sie ist, und es kümmert sie nicht, was eine erzkonservative Mumie, die gedanklich noch in der Welt des 19. Jahrhunderts lebt, von ihr hält.

Roswitha mustert ihre Enkelin jetzt genauer. Ob sie wohl wieder eine anstrengende Nacht hinter sich hat? So einiges hat Roswitha von ihrer Schwiegertochter über Laura gehört, wilde Geschichten. Mit irgendwelchen Leuten treibt sie sich Gott weiß wo herum. Vermutlich ist sie dabei auch noch sturzbetrunken, nicht auszudenken, was dem Mädchen passieren könnte. Wie kann sie nur so unvernünftig sein? Wie kann sie das alles nur ihren Eltern antun? Sie tun so viel für ihre Tochter und was ist der Dank dafür? Schlaflose Nächte voller Sorgen um ihre Tochter? Ihre eigene Mutter hätte Roswitha so etwas unter keinen Umständen durchgehen lassen. Sie hat sie bewusst streng erzogen, weil sie wollte, dass ihre Tochter einmal etwas aus sich macht, und Roswitha hat etwas aus sich gemacht. In der Hauptschule hatte sie nur gute Noten, danach hat sie eine Lehre gemacht, sie war immer fleißig, denn sie wollte diesen Beruf vernünftig erlernen. Von da an hat sie jeden Tag hart gearbeitet, später hat sie sich um ihre Familie gekümmert, viele Opfer hat sie gebracht. Nie hätte sie sich vorstellen können, einfach nur zu feiern, anstatt zu lernen und das Geld ihrer Eltern sinnlos zu verprassen. Roswitha ist sich sicher, dass ihre Enkelin weit mehr kann, als sie leistet. Sie kann nicht mitansehen, wie das Mädchen sein gesamtes Potential vergeudet.

Lauras Gedanken schweifen ab zu dem Chemietest, den sie heute geschrieben hat. Warum tut ihre Großmutter eigentlich immer so, als wäre sie so schlecht in der Schule? Sie ist gewiss keine Einserschülerin, aber das muss sie ja auch nicht sein. In keinem Fach hat sie Probleme, trotzdem sagen ihr immer alle, dass sie mehr lernen soll. Wenn Laura nach dem Grund dafür fragt, so lautet die Antwort immer: Für später. Lern für später, spare für später, sammle nützliche Erfahrungen für später, später wirst du dafür dankbar sein, in deinem späteren Leben wird dir dies und das helfen … Sie lebt aber nicht später, sondern jetzt, hier, in diesem Moment. Lauras Leben spielt sich an diesem Tag, in dieser Minute ab. Warum versteht das keiner? Seit sie auf die Welt gekommen ist, wartet sie nur auf später, zumindest laut den anderen, denn Laura hat keine Lust, nur auf der Wartebank zu sitzen. Sie weigert sich, ihr gesamtes bisheriges Leben als bloße Vorbereitungszeit zu sehen. Sie will diese Jahre zu ihren schönsten machen. Sie ist jung und das will sie spüren. In jeder Zelle ihres Körpers möchte sie diese ganz besondere Energie fühlen, diese Energie, die unmittelbar ihrem frischen, noch nicht desillusionierten Geist entspringt, der die kindliche Fantasie noch nicht eingebüßt hat. Sie will lachen, sie will verrückt und peinlich sein dürfen, den Verstand ausschalten und ihr Leben genießen. Vernünftig sein wird sie früh genug müssen, alt wird sie von alleine werden. Aber diese Zeit, die Zeit ihrer Jugend, die kann sie nicht nachholen. Diese Zeit, die kommt nie wieder. Warum ist es so unverständlich, dass sie so viel wie möglich aus ihr herausholen möchte?

Und doch macht es Roswitha traurig, trotz allem macht es sie traurig, dass sie und Laura nicht mehr Zeit miteinander verbringen. Überhaupt bekommt sie ihre Familie nur sehr selten zu Gesicht. Ihr Mann ist tot und ihre Kinder und Enkelkinder finden kaum Zeit für sie. An manchen Tagen hat sie das Gefühl, dass alles um sie herum still ist. Sie erträgt diese Stille aber nicht, sie will, dass diese Stille von vertrauten Stimmen durchbrochen wird. Im Alter fühlt sie sich so allein wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Ausgerechnet in der Phase ihres Daseins, in der sie ihr Körper immer mehr im Stich lässt, in der ihre Kräfte schwinden und dem immer wiederkehrenden Schmerz des Verfalls weichen. Ausgerechnet in dieser Zeit scheinen auch die Beziehungen zu denen, die sie liebt, immer brüchiger zu werden, genau wie ihre Knochen. Sogar vor einer so wichtigen Operation, die ihr grauenvolle Angst macht, ist ein jedes ihrer Kinder zu beschäftigt, um die kranke Mutter zu besuchen. Gut, dass Laura da ist. Trotz all ihrer Fehler liebt sie dieses Kind, daran hat Roswitha nie auch nur eine Sekunde gezweifelt. Keine Enttäuschung kann jemals so groß sein, dass sie aufhört, Laura zu lieben. Das ist unmöglich, es würde praktisch gegen die Naturgesetze verstoßen, denn sie ist ihre Enkelin. „Ich bin froh, dass du hier bist“, sagt sie schließlich, ohne groß darüber nachzudenken.

Laura ist überrascht, sie weiß nicht so recht, was sie darauf antworten soll. Plötzlich erscheint in ihrem Kopf ein Bild, eine Erinnerung. Sie sieht ihn wieder vor sich, den Moment, in dem ihr die Großmutter dieses wunderschöne weiße Stoffpferd geschenkt hat. Es hatte dunkle, glänzende Augen und ein so weiches Fell. Laura liebte es, Zöpfe in die Mähne zu flechten. Ihre Großmutter hatte das Pferd selbst genäht, viele Stunden hat sie daran gearbeitet. Als sie es ihr schenkte, hat sie Laura genauso angelächelt, wie sie es jetzt in diesem Moment tut. Ihre Großmutter lächelt sie an und es ist ein ehrliches, liebevolles Lächeln. „Ich bin auch froh, dass ich hier bin“, sagt Laura und meint es so.

 

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