BRG Steyr

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Projektwoche Rom 2002

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Dokumentation der Projektwoche ROM 22.09-28.09 2002 der 7ABC-Klasse des BRG Steyr aus der vorherrschenden Sicht von Markus Rodlauer, 7C und kleiner Ergänzungen durch Karl Maria Kubizek. Bilddokumentation: Josef Prieler

Montag:

Die ewige Stadt erscheint im fahlen Spätnachmittagslicht wie eine einzige Surrealität. Die gleichzeitige Symbiose und Diskrepanz zwischen antiken Ruinen, deren geschichtsträchtige Vergangenheit man nur erahnen kann, und den sterilen Gebäuden des auslaufenden 20. Jahrhunderts, die als kalte, gefühllose Stahlträger in den bewölkten Himmel ragen, wirkt befremdend und faszinierend zugleich. 

Während wir an den stillen Ufern des Tiber sitzen, das Wasser an uns vorüber fließend, an einem Ort, der im Mittelalter für die Opfer der Pest den (gesellschaftlichen) Tod vor dem tatsächlichen Dahinscheiden in dem von den Kranken, Sterbenden und Toten bevölkerten Exil bedeutete, dringt der Lärm der Metropole klar und deutlich an unser Ohr. So wie der Fluss an uns vorbei treibt, scheint es auch die Geschichte mit dieser Stadt zu tun: langsam, stetig und überall Spuren ihrer Präsenz hinterlassend... 

14 Stunden Zugfahrt sind ebenfalls nicht spurlos an uns vorübergegangen. Nichtsdestotrotz nehmen wir Rom in dem gleichen Maße in uns auf, wie es die italienische Hauptstadt mit uns tut. Zeit erscheint gerade an einem Ort wie diesem als paradox. Während wir im 10 Minuten Takt antike Tempel, romanische Kirchen und imperiale Zeugnisse einer Kultur besichtigen, die, obwohl schon 1600 Jahre untergegangen, die Geschichte der Gegenwart beeinflusst wie keine andere, dringt die Sonne nur ab und zu durch den dichten Wolkenvorhang, und alles rundherum geht unbeeindruckt seinen Lauf. Als Nachfahren der einstigen Eroberer kommen wir hierher, um die Erhabenheit dieser Stadt wenigstens ansatzweise zu begreifen.

6 Tage, um über 2000 Jahre Geschichte zu erfassen.

Dienstag:

Rom, Stadt der Bettler wie der Imperatoren. Die bedeutendste Metropole Italiens strahlt nach außen hin Stärke, Anmut und Pantheismus aus, während sie manche ihrer Bewohner in ein tiefes schwarzes Loch voll Unzufriedenheit, Armut und Depression stürzt. 

Das Vatikanische Museum, der Apoll von Belvedere und allen voran der gigantische Petersdom, dessen Kreuz über der Kuppel sich in 131 Metern Höhe befindet, über 550 Stufen, die einem Gott und einen phantastischen Überblick über etwas näherbringen, das dereinst eine Siedlung zwischen sieben Hügeln dargestellt hat; vorgelagert, um diesen Bau, der als meisterhaftes Beispiel architektonischer und religiöser Visionen wie auch menschlichen Ehrgeizes dient, nach außen weithin sichtbar zu machen, ihn in seinem eigenen Ehrgeiz zu bestätigen und die wahrhaft pompösen Ausmaße zu unterstreichen, die Via Nationale. Mussolini ließ ein ganzes mittelalterliches Stadtviertel für diese eine Straße dem Erdboden gleichmachen. 
Szenenwechsel. Über unzählige Seitenstraßen und kleine Gassen gelangen wir zur Piazza Navona, die in Zeiten imperialer Machtausübung als Zirkusgelände diente. Der Unterschied zwischen dem päpstlichen Heim und dieser Örtlichkeit ist beinahe greifbar. Überall Bettler, Gaukler, Schausteller; Menschen, die in vor Dreck starrender Kleidung, ihre Kinder auf dem Schoß, doch nicht erbärmlich genug aussehen, um die Passanten zu mehr als einigen Cents zu rühren; Menschen, die Reisende wie Einheimische mit Grimassen und Verrenkungen zum Lachen bringen und somit schon etwas mehr als nichts erhalten; und schließlich Menschen, die stundenlang in der selben Pose verharren und, mit Unmengen Schminke im Gesicht, die Touristenströme mit unvergleichlicher Erhabenheit an sich vorüberziehen sehen. 

Römer, die von der Hand im Mund leben, bekommt man hier genauso oft zu Gesicht wie die gewaltigen Prunkbauten, die auf den Reichtum ihrer Besitzer hinweisen. Beides gehört sowohl zur Geschichte wie zur Gegenwart dieser Stadt. 

Assoziationen mit anderen Kapiteln der örtlichen Historie werden einem ebenso aufgezwungen. Ein sich in Rage schreiender Redner, seine Stimme schrill, heiser, sich fast überschlagend, ohne Mikrofon wohl hoffnungslos überfordert; eine johlende Menschenmenge, die an seinen Lippen hängt, tosend, in einem immer wilder werdenden Staccato in die Hände klatschend, beinah jedes Wort ekstatisch in sich aufsaugend und wiederholend, ungewollt uniformiert in für uns Österreicher fremden Sprache und dunkler Haut. Ein beunruhigendes Gefühl, auch wenn es nur ein Busstreik ist. 

Rom, Stadt der Bettler wie der Imperatoren...

Mittwoch

Die kühle Luft zwischen den kirchlichen Gemäuern spendet kurzzeitig Erholung vor den immer noch warmen Temperaturen und dem Lärm der Stadt. Überhaupt schenken wir den Kirchen viel Aufmerksamkeit, wohl eher aus architektonischem Interesse denn aus religiösem, doch das Zentrum der christlichen Gemeinschaft beweist wieder einmal die Zwiespältigkeit dieser Stadt. Wiewohl seit Jahrhunderten Sitz des Vertreter Gottes auf Erden, findet man wohl kaum woanders so viele Plastiken und Gemälde antiker,”heidnischer” Mythologie. Selbst in Zeiten, als die Idee eines Menschen, der völlig ohne Gott leben kann und die Macht der Kirche, die von so manchem König bei weitem überstiegen hat, fand anscheinend niemand etwas daran, wenn man sich nicht die heilige Muttergottes als Motiv nahm, sondern einen römischen Gott; das Vatikanische Museum beherbergt einige solcher Kunstwerke. 

Die Vielfalt der Stadt scheint keine Grenzen zu kennen. Das Genie der Künstler strahlt uns in unzähligen Facetten und Episoden italienischer Meisterwerke entgegen, um sich - wie es scheint - immer wieder neu zu erfinden. 

Die Kirche Sant‘Ignazio bietet ein geradezu archetypisches Beispiel für diese Stadt. Was wie eine hohe Kuppel wirkt, ist in Wirklichkeit nur eine bemalte Fläche, und auch die steil nach oben führenden Wände über den Fenstern des Kirchenschiffes sind künstlich. Durch die große Entfernung vom Betrachter wirkt die Fläche der Decke wie ein Gewölbe, das sich in eine Himmelsvision verwandelt. Das ganze funktioniert allerdings nur von exakt einem bestimmten Punkt aus ... ein Schritt daneben, und die Architektur scheint einzustürzen. Eine perfekte Illusion - bis man einen Schritt zu nahe an das ganze herangeht, dann bricht alles in sich zusammen. Auf beklemmende Art und Weise bezeichnend für diese Stadt der Wunder.

Donnerstag

Der Campo dei Fiori pulsiert geradezu vor Leben. Auf unzähligen kleinen Ständen wird alles  angeboten, was die (italienische) Küche so benötigt. Fisch, Fleisch, frisches Gemüse, Weintrauben, Gewürze, Gebäck und unzählige andere Nahrungsmittel finden hier ihre Abnehmer. Kleine Hunde flitzen zwischen den Ständen durch, um ab und zu etwas abzubekommen, und die Verkäufer folgen einem beim geringsten Anzeichen von Interesse auf Schritt und Tritt. Doch auch der so idyllisch anmutende Marktplatz ist Teil der römischen Historie. Hier wurde im Namen der heiligen römisch-katholischen Kirche, zur höheren Ehre Gottes ein Ketzer verbrannt, Giordano Bruno, der sich ihr nicht beugen wollte. Daher hat ihn die Kirche gebeugt, mit Feuer.

Die kulturelle Geschichte Roms besteht aber aus mehr als nur einigen antiken Steinblöcken und mittelalterlichen Gemälden. Am Nachmittag gelangen wir zum von Mussolini in Auftrag gegebenen ”Neuen Kolosseum”, ein Nachbau des Original-Amphitheaters in Form eines Kubus. Die Visionen der Architekten des „Neuen Kolosseums” wurden vom Regime unter Mussolini erstaunlich wenig beschnitten. Diesen „Würfel” als Ausbruchsversuch moderner Künstler in einer Umgebung, die größtenteils von der Kunst von vor 2000 Jahren dominiert wird, anzusehen, fällt einem nicht schwer. 

Die folgende Pause wird zu einem kleinen Fußballspiel genützt, bevor wir das Museum für Moderne Kunst besichtigen.

Am Abend besichtigen wir die Spanische Treppe. Unzählige Taschendiebe verlocken kaum zu einem Aufenthalt auf den Stufen, doch die Umgebung hat auch so einiges zu bieten. Einige Straßenverkäufer lassen mit sich handeln, wenn es um die Preise geht, und die Stimmung ist von einer erfrischenden Leichtigkeit. Diese Nacht wird ebensowenig ewig dauern wie jede andere, aber wir versuchen jede einzelne Minute zu genießen. 

Dies wird unsere letzte Nacht in Rom sein, die letzte Möglichkeit, unvergessliche Erinnerungen zu sammeln. 

Freitag

Unser letzter Tag in Rom. Wir befinden uns in einem öffentlichen Garten der Villa d‘ Este etwas außerhalb der Stadt in Tivoli. Ein künstlich angelegter Wasserfall rauscht über mehrere Etagen aus Stein gehauener Bogengänge hinweg und verschleiert eine bronzene Statue. Bergab kann man die Silhouette der römischen Wolkenkratzer erkennen. Ein ruhiges, idyllisches Fleckchen Erde, das genügend Platz bietet, um mit etwas Glück für sich alleine zu sein, abseits der Fische fütternden deutschen Touristen und gesprächiger Südländer. Der Garten Eden, so er jemals existierte, würde hier wohl sein Spiegelbild finden. Ein kleines Stückchen Paradies, 30 Minuten Busfahrt von der Hauptstadt entfernt. 

Der Scheiterhaufen aller sterblichen Eitelkeiten oder das Ende der Ewigkeit, dieser Garten scheint alles in sich zu vereinen. Der Kreislauf der Geschichte scheint sich hier zu verlieren, das Wasser, die Blumen, die sich im milden Herbstwind bewegenden herabhängenden Blätter... all das vereint in absoluter Harmonie, es scheint so natürlich, so ... richtig; und mittendrin Schulgruppen, Touristen, Familien, die ihren Kindern Abwechslung von der urbanen Welt bieten wollen. All das müsste bei genauerem Hinsehen als Widerspruch erscheinen, das Gegenteil ist jedoch der Fall. Der Mensch im selbst geschaffenen Paradies, unabhängig von der göttlichen Schöpfung und wohl auch kaum daraus zu vertreiben, der Mensch, der das Paradies einzäunt, Grenzen erschafft, wo nichts als weniger richtig erscheinen würde... der Garten Eden, eingesperrt und für immer beschränkt, in Ewigkeit und doch nicht nur zeitlich begrenzt. Es gibt keine passende „Überleitung” aus diesem Garten heraus, nicht gedanklich und schon gar nicht schriftlich. Die Welt, dieselbe alte Welt, wie sie immer schon war und immer sein wird, empfängt uns außerhalb dieses Gartens... und doch hat sich etwas verändert. 

Der „Ausweichbahnhof” Tiburtina erweist sich als genauso trostlos, nüchtern und funktionell wie jeder andere Bahnhof auf der Welt. Eine Stunde Wartezeit auf den Zug, der uns über die österreichische Grenze fahren wird. Wir sind nicht die einzigen, die sich auf den Heimweg machen. Der Zug ist voll von deutschen Schülern, die ihr Abitur mit dieser einen Woche Rom ausklingen lassen. Das aufgeregte Gequatsche unserer nördlichen Nachbarn, mit dem für uns so wenig sympathischen Dialekt erzeugt nicht gerade Wohlbefinden, doch irgendwann werden selbst die feierstimmigen Germanen müde. 

Was auf uns wartet? Das ”Beinahe-Verschlafen” in Innsbruck, eine weitere Stunde auf dem dortigen Bahnhof, Müdigkeit, Hunger, Wehmut aufgrund der Tatsache, Rom hinter uns zu wissen, und doch Vorfreude auf die Heimat. Das Bewusstsein, die letzte derartige 

Projektwoche in der Schule hinter uns zu haben... falls alles nach Plan läuft... 

Was wir hinter uns haben? Gestohlene Taschen, überteuerte Preise, Erkältungen, verlorenes Geld, regelmäßiges frühes Aufstehen, vom italienischen Wein verursachtes Kopfweh, ständiges Gedränge, einen Busstreik, auf unsere ”Vordrängel”-Manöver beleidigt reagierende Franzosen,... 

Und letztendlich, gerade deswegen, eine der schönsten Zeiten

Samstag

unser zug startet nicht vom termini sondern von tiburtina, das wir mit der u-bahn erreichen. am bahnsteig beginnt das warten, außer uns nur bayrische klassen. sie schleppen bierkisten mit sich und sind laut. pr und ich befürchten, dass wir vielleicht diese sorte in unser abteil bekommen könnten. der zug hat eineinhalb stunden verspätung. verweifeltes pfeifen der lokomotive, um die rennenden massen auf sich aufmerksam zu machen. hunderte schülerInnen wollen gleichzeitig den zug stürmen. nach einer intensiven phase des chaos findet doch alles seinen platz. zu uns stoßen keine schüler, sondern eine bayrische ältere knorke turnlehrerin, die uns gleich forsch begrüßt und ihr begleiter, eine karikatur von zerstreutem professor, ein geograf. er dürfte mitten aus dem badeurlaub gerissen worden sein mit seiner badeshort und seinen badeschlapfen. wegen uneindeutigen buchungen kamen sie frisch geladen aus einer auseinandersetzung mit bayrischen kollegen, besonders einer kollegin, die eine schülerin ihrer klasse einfach aus dem abteil riss. ein vermittler kam später vorbei. die beiden waren mit ihrer klasse in neapel. das programm war aber durchaus mit urlaubselementen durchsetzt. bis in den morgen belärmten uns die bayern und sorgten, dass wir nicht zu bald schlaf finden sollten. schließlich gelang der schlaf doch und ich wachte erst am brenner auf. wir blieben noch etwas liegen, wegen finsternis in den waggons war an ein wecken der schülerInnen nicht zu denken. wir selbst mussten uns beeilen zum ausstieg, pr lief zum mädchenwaggon vor, um ihn vom verschlafenen inhalt zu befreien, ich zum burschenwaggon, wo die ersten aus der tür torkelten in socken, mit den schuhen in der hand, taschen und sonstige überreste wurden durchs fenster nachgereicht. eindeutig standen alle unter einem aufstehtrauma. letztlich konsolidierte sich das ganze und gelangte mittels kaffee und zigaretten zur realität. auch die für uns ungewohnte kälte trug das ihre dazu bei. 

jetzt sind wir richtung linz unterwegs. umsteigen in linz, umsteigen in st. valentin, dann ist es geschafft, dann ist alles vorbei.

 

 

 

 

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