Cola und Oliven

Supermarkt

Es ist heiß heute, schwül. Dunst liegt über der Stadt. Keine Eiswürfel daheim, die Sonne brennt ins Zimmer, keine Vorhänge. Ich schwitze. Schweißperlen auf der Nase, salziger Geschmack, mein Kopf ist taub, diese Scheiß-Dunstglocke von Staub und Nebel und Dreck, giftig, die Sonne verdeckt, nicht zu sehen. Man weiß nicht, woher die Hitze kommt. Ich gehe in den Supermarkt. Wodka ist wieder teurer geworden, typisch. Überall Ventilatoren, im Supermarkt angenehm kühl, die Verkäuferinnen gestreßt, alle aus dem ehemaligen Ostblock und der Türkei. Die junge Kassiererin hat schöne schwarze Haare, aber abgenagte Fingernägel, sie lächelt niemals. Eine Alte räumt die Sachen her, ordnet, schaut, ob die Waren abgelaufen sind. Ich finde den Orangensaft nicht. An der Kasse streiten zwei alte Frauen, jede meint, die andere habe sich vorgedrängt. Eine Schülerin, schwarz geschminkt, enges, olivgrünes Kleid, keine Unterwäsche darunter, die Sonnenbrille in den Haaren, weiß nicht, welches Joghurt sie kaufen soll. Verschlafenes Gesicht, gezeichnet von einer langen Nacht. Ich finde den Orangensaft nicht, nehme Coladosen, Chips und Oliven, sonst kein Geld mehr. Die Kassiererin würdigt mich keines Blicks, der Strichcode wird gelesen, sie sagt mir nicht, wieviel ich zu zahlen habe. Ich gebe ihr die letzten sechzig Schilling, kriege zwei zurück, stecke sie in die Hosentasche und gehe raus.
Es blendet ich habe keine Sonnenbrille. Reiße eine Dose auf und schlürfe Cola. Es ist so heiß.

Virgin

Ich gehe ins Virgin, weil ich nichts zu tun habe. Schon seit Monaten kein Job in Aussicht. Die Wohnung ist nicht aufgeräumt, LPs liegen am Boden, dreckiges Geschirr, schmutzige Wäsche, gebrauchte Taschentücher. Ich will nicht in die Wohnung, sei deprimiert mich. Ich kann nicht zurück, solange nicht aufgeräumt ist, kann mich aber nicht dazu aufraffen, sie zu säubern. Ich trinke Cola, wische den Schweiß von der Stirn. Ich lese irgendwelche Magazine. Lese von Rockmusikern, Konzertkritiken, am liebsten sind mir aber die Werbeseiten. Mein Favorit: Die Calvin - Klein und die Diesel - Werbungen. Neben mir immer die gleichen Leute, die auch nichts zu tun haben. Die Hoffnungslosigkeit packt mich. Ich werde nervös, es kribbelt in meinem Bauch. Ich gehe zu den Kopfhörern, ziehe mir die Smashing Pumpkins rein: shakedown 199, cool kids nerver have the time on a live wire right up off the street you and I should meet.
Im Amadeus unten sind wenig Leute. Die dicke Verkäuferin, die immer schwarz angezogen ist, räumt Bücher weg. Neben der Stiege ein Regal voller Schwulenbücher. Ich bleibe stehen, schau rein, die Bücher interessieren mich nicht, die Schwulenszene schon. Ich kenne einen Schwulen, schaut auch nicht anders aus. Ich schaue zu den Taschenbüchern. Nicht Neues von T.M.McNally, auch nichts von Beth Nugent. Ich sehe Sunrise von Michael Köhlmeier und stecke es in die Tasche. Ich weiß, daß keiner mich gesehen hat, bin nicht einmal aufgeregt, habe schon öfters gestohlen. Bisher nur Süßigkeiten, ein Buch zu stehlen habe ich mich nie getraut. Ein Buch stiehlt man nicht. Ich habe kein Geld mehr, tu so, als wäre nichts, das kann ich gut, fahre die Rolltreppe hinauf. Ich setze mich in die Mariahilferstraße und lese, bis ein Bettler kommt und mir klar macht, daß das sein Platz sei und ich mich doch bitte an eine andere Ecke setzen solle. Ich sehe die Leute an und merke, daß sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Wenn man ein Buch liest, setzt man sich auf eine Bank. Bettelt man, hat man kein Buch in der Hand. Ich verwirre sei. Ich kenne die Leute nicht, die an mir vorbeigehen. Ich kenne niemanden, trinke das dritte Cola.

Universität

Es stinkt auf dem Klo. Ich warte. Lese die Botschaften an der Tür: Tod den linken Faschisten, Freiheit für Kurdistan, Fuck Nazis, God shave the Queen. Die Hose hab ich runtergelassen. Ich sitze und denke und weiß nicht, woran ich denke. Ich sitze und weiß nicht, warum ich hier sitze. Am Nebenklo Geräusche. Jemand klopft. Ich bleibe sitzen, rühre mich nicht, bin durstig, trinke eine Dose Cola. Der neben mir flüstert. Ich nehme keine Drogen, habe kein Geld, sage ihm das. Auf wen ich hier warte, fragt er mich. Ich sage nichts mehr, öffne die Chipspackung, reiche ihm welche unten durch, esse selber welche. Er fragt mich noch einmal, ob ich wirklich nichts brauche, er habe genug hier, die verschiedensten Sachen, zu vernünftigen Preisen. Ich sage ihm, daß ich wirklich nichts brauche. Warum ich dann hier sitze, fragt er mich, wo doch die halbe Stadt wisse, daß in die Klomuschel, auf der ich sitze, nicht hineingeschissen wird, sondern sich nur die Leute draufsetzen, die Drogen kaufen wollen. Ich glaube, langsam durchdrehen zu müssen: Die Hitze, die Sonne, der Gestank hier und die Leute, die ich nicht kenne, wollen was von mir. Ich habe schon lange keine Freundin mehr gehabt und keine Arbeit, sage ich ihm, das seien die Sachen, die ich bräuchte, eine Freundin und einen Job. Die letzte Freundin schon zwei Jahre her. Ich könne für ihn arbeiten, Drogen an Kunden liefern, geringe Mengen, aber hohe Bezahlung, eine Freundin hingegen könne selbst er mir nicht besorgen.
Ich täusche mich immer. Ich wache am Morgen auf, habe von einer unheimlich schönen Frau geträumt. Versuche, gleich wieder einzuschlafen und hoffe, den Traum weiterträumen zu können. Es gelingt nie, die Strafe: Blutige Morde, tödliche Krankheiten. Ich werde von Häschern verfolgt, falle aus Hochhausfenstern in die Tiefe. Hoffnung ist, wenn man nicht begreift, das man sich immer wieder hineinlegen läßt.

Auto

Es ist Abend. Die Fensterscheiben heruntergekurbelt, die Hand draußen. Kühle Luft auf meiner Haut. Ich habe eine Sonnenbrille auf, rauche eine Zigarette. Ich weiß nicht, wie der Mann neben mir am Lenkrad heißt, interessiert mich auch nicht, bin einfach eingestiegen. Auf der Ablage lag die Sonnenbrille. Jetzt gehört sie mir. Wir sind auf der Westautobahn.
Im Radio die Stones. Er lächelt, ich mache zwei Coladosen auf, eine für ihn, eine für mich. Ich rede nicht mit ihm, ist auch nicht nötig, wir sind beide glücklich. Der schwarze Wienerwald neben uns. Wir tauschen. Das Lenkrad ist aus Leder. Ich bin seit der Führerscheinprüfung nicht mehr mit einem Auto gefahren. Der Wagen liegt gut auf der Straße, der Tacho zeigt 150. Mein Copilot freut sich. Ich lache, steige aufs Gas. Wir fliegen durch die Nacht.
Am Parkplatz ist es ruhig und dunkel. Es ist schon spät. Wir essen Oliven. Er sagt, er liebe Griechenland und Italien. Ich nicke, war noch nie dort. Er sagt, er sei verheiratet. Ich glaube ihm, stecke ihm eine Olive in den Mund.
Was ich von ihm halte, fragt er mich. Ich weiß es nicht. Ob er mir gefalle? Ich zucke mit den Schultern, stecke ihm eine zweite Olive in den Mund. Ob ich öfters mit jemandem einfach so mitfahre? Er solle nicht soviel reden, sage ich und drehe das Radio auf. FM4. Sie spielen Smashing Pumpkins. Ich bin glücklich, ich lasse mich fallen.

Goodnight, to every little hour that you sleep tite may it hold you through the winter of a long night and keep you from the loneliness of yourself.

Mit freundlicher Genehmigung vom Autor Peter Landerl.

Zurück zur Einleitung