Franz
Grillparzer: “Sappho“
Der Autor, Zeit des Dichters
Franz Grillparzer wurde am 15. Jänner
1791 als Sohn eines nicht sehr wohlhabenden Rechtsanwaltes geboren. Seine
Kindheit verbrachte er in Wien, und studierte, nachdem der das Anna-Gymnasium besucht hatte, an der Wiener Universität Jura.
Da sein Vater bald starb, brach er das Studium ab, um den Unterhalt für seine
Familie zu verdienen. Josef Schreivogel, den Grillparzer später kennenlernte,
führte einige Werke von ihm zu einem großen Erfolg. Grillparzer gelangte durch
sein Werk “Die Ahnfrau“, welches 1816 erstmals aufgeführt wurde, zu großem
Ruhm. Er schrieb noch viele weitere große Werke, wie zum Beispiel auch Sappho
im Jahre 1818. Im selben Jahr erkrankte Grillparzer an einem Nierenfieber. Kurz
nachdem er es überstanden hatte, nahm sich seine Mutter das Leben. Langsam
begann er zu vereinsamen, doch schließlich lernte er eine Frau namens Kathi
Fröhlich kennen und verlobte sich mit ihr. Nachdem er Mitglied der Akademie der
Wissenschaften, und Ehrendoktor in Leipzig wird, verstirbt er am 21. Jänner
1872 und erhält ein großartiges Staatsbegräbnis.
Grillparzer lebte in der Epoche des
Biedermeiers. Unter einem Biedermeier versteht man einen treuherzigen, aber
spießbürgerlichen Menschen. Die Malerei in dieser Zeit bevorzugte Landschafts-
und Portraitbilder. In der Literatur war zu dieser Zeit die kleine Form der
Novelle weit verbreitet. Andere Vertreter dieser Zeit waren unter anderen J.
Gotthelf und J. N. Nestroy mit ihren zeitsatirischen Komödien.
Dieses streng klassisch komponierte
Versdrama behandelt den Konflikt von Kunst und Leben. Es spielt im 6.Jh.v.Ch
und erzählt von einer griechischen Lyrikerin, Sappho. Grillparzer wollte mit
diesem Werk ein Drama mit einer großen poetischen Kraft hervorbringen.
Innerhalb von drei Wochen wurde Sappho fertiggestellt und am 21. April 1818 im
Burgtheater uraufgeführt.
Ein Drama (=Handlung) wird für das
Theater geschrieben und ist daher zeitlich und inhaltlich möglichst kurz
gefaßt. Es ist eine in sich geschlossene Handlung in Form von Monolog und
Dialog. Die Wechselwirkungen innerhalb des schmal dargestellten
Handlungsausschittes greifen eng ineinander.
Die griechische Lyrikerin Sappho kehrt
als umjubelte Siegerin im Dichterwettkampf von den olympischen Spielen auf ihre
Insel Lesbos zurück. Sie nimmt einen Jüngling namens Phaon mit, in den sie sich
verliebt hat. Da Phaon jedoch weiß, daß er an die Größe Sapphos nicht
heranreichen kann, bewundert und vergöttert er sie zwar, aber es ist ihm nicht
möglich, daß er ihre Liebe erwidert. Mehr und mehr beginnt nun Phaon, Gefallen
an Melitta zu finden. Melitta ist, wie Sappho mit eigenen Worten sagt, ihre
beste und liebste Dienerin. Da sie schon sehr bald ihren Eltern entrissen
wurde, wurde sie von Sappho aufgenommen und liebevoll erzogen. Sappho
behandelte sie wie ihr Kind und darum schmerzt es sie noch mehr, als sie
bemerk, wie sich “ihr“ Phaon mittlerweile schon zur erst fünfzehnjährigen
Melitta hingezogen fühlt. Als Sappho dann einmal beobachtet, wie Melitta in die
Hände von Phaon sinkt, und dieser sie zärtlich umarmt, versucht sie Melitta zu
töten. Im letzten Moment kann Phaon dies verhindern und ist sich nun ganz
sicher, daß er Melitta liebt. Als Sappho das erfährt, entschließt sie, Melitta
von der Insel wegzuschaffen. Sie beauftragt einen anderen Diener, Rhames,
Melitta mit dem Boot wegzubringen. Als sich dann die Beiden in der Dunkelheit
dem Boot nähern, kommt plötzlich Phaon, der durch die Schreie Melittas
aufmerksam gemacht wurde, um diese zu befreien. Melitta und Phaon sehen jedoch
keinen anderen Ausweg mehr, als zu zweit von der Insel zu flüchten, und so
steigen sie ins Boot.
Leseprobe 1:
Phaon: Jetzt Mädchen, komm.
Melitta: Wohin?
Phaon: Zu Schiffe! Fort!
Melitta (von ihm weg in den Vordergrund eilend): Ihr Götter!
Soll ich?
Phaon: Fort! Es streckt die Ferne uns schutzverheißend ihren Arm
entgegen. Dort drüben überm
alten, grauen
Meer wohnt Sicherheit und Ruh´ und Liebe! O folge! Unterm breiten
Lindendach, das
still der Eltern stilles Haus beschattet, wölbt, Teure, sich der Tempel
unsers Glück
(sie ergreiffen) Erzitterst du? Erzittre holde Braut, die Hand des
Bräutigams hält
dich umschlungen! Komm mit! und folgst du nicht, bei allen Göttern auf
diesen Händen
trag ich dich von hinnen und fort und fort, bis an das End´ der Welt.
Melitta: O Phaon!
Phaon: Fort, die Sterne blinken freundlich, die see rauscht auf,
die lauen Lüfte wehen und
Amphitrite ist
der Liebe hold. (Zu Rhames.) Voraus du!
Rhames: Herr!
Phaon: Es gilt dein Leben, sag ich dir! (Alle ab.)
Sofort erzählt Rhames Sappho von der
Flucht der beiden, worauf diese Landsmänner beauftragt, um Phaon und Melitta so
schnell wie möglich zurück zu bringen. Diese machen sich auf den Weg und kehren nach einiger Zeit mit den
Geflüchteten zurück, worauf sie vor Sappho gebracht werden. Melitta kniet
sofort vor Sappho nieder und bereut ihre Taten zuriefst, doch Phaon beginnt in
seinem Zorn auf Sappho einzureden und verletzt diese mit seinen Worten. Er
beichtet ihr auch, daß es Verehrung und nicht Liebe war, die er ihr
entgegenbrachte. Schließlich verläßt Sappho den Raum und es kommt zur Diskussion
zwischen Phaon und Rhames, welcher erschüttert darüber ist, wie Phaon zu Sappho
zu sprechen wagte.
Leseprobe 2:
Rhames: Und wer bist du denn daß du dein Wort magst in die
Schale legen in der die Menschheit
ihre Ersten
wiegt, zu sprechen wagst, so Griechenland gesprochen? Blödsicht´ger,
frevler Tor,
dünkt sie dir wertlos weil ohne Maßstab du für ihren Wert, nennst du das
Kleinod
blind, weil es dein Auge? Daß sie dich liebte, daß sie aus dem Staub die
undankbare
Schlange zu sich hob die nun mit geft´gem Zahn ihr Herz zerfleischt, daß
ihre
Reichtum sie an d dich vergeudet der keinen Sinn für solcher Schätze Wert, das
ist
der einz´ge
Fleck in ihrem Leben und keines andern zeiht sie selbst der Neid! Sprich
nicht!
Selbst dieser Trotz, in dem du nun, dich auflehnst wider sie, er ist nicht
dein! Wie
hättest du
aus deiner Niedrigkeit, von den Vergeßnen der Vergessenste, gewagt zu
murren
wider Hellas´ Kleinod? Daß sie dich
angeblickt gab dir den Stolz, mit dem du nun auf sie
herniedersiehst...
Als Phaon und Melitta nun ein letztes
Mal vor Sappho gebracht werden, segnet diese die beiden. Danach geht sie
langsam an den Rand des Felsens zu und stürzt sich mit den Worten: “So zahle
ich meine letzte Schuld des Lebens!“ ins Meer.
In diesem Werk wird ein altes Motiv
der Literatur behandelt, nämlich der Mann zwischen zwei Frauen. Grillparzer
wollte das Leben in Gestalt von Phaon und die Kunst in Gestalt von Sappho
darstellen. Das Ziel ist es, daß sich die Kunst einen Platz in der bürgerlichen
Gesellschaft sichert. Eigentlich hätte ein Liebesfest zwischen Kunst und Leben,
das heißt Sappho und Phaon vollzogen werden sollen, doch schon vor der ersten
Annäherung steht fest, daß zwischen Dichter und Bürger immer eine weitere Kraft
steht, in diesem Fall Melitta. Eine schwierige Situation entsteht erst, als
Sappho bemerkt, daß Phaon sie nicht liebt, sondern nur bewundert und sich statt
dessen zu Melitta, ihrer Sklavin hingezogen fühlt.
Sappho ist eine Künstlerin, die
außerhalb der Gesellschaft steht, obwohl sie eigentlich ein gutes Herz hat. Sie
versucht, den anderen zu gleichen und sich der Gesellschaft unterzuordnen, doch
da sie von den anderen wegen ihrer Fähigkeiten nicht als Mensch, sondern eher
als Gott betrachtet wird, gelingt ihr das nicht. Auch weil sie Phaons Liebe
nicht gewinnen kann, sieht sie am Ende keinen anderen Ausweg mehr, als sich
selbst das Leben zu nehmen.
Phaon ist der Mittelpunkt der
gesamten Handlung, da er zwischen Melitta und Sappho steht. Er verehrt Sappho
aber er kann sie nicht lieben, da sie für ihn unerreichbar scheint, und so wird
er durch den „gleichen Schmerz“ zu Melitta getrieben.
Melitta wurde von Sappho immer wie
eine Tochter behandelt, ist jedoch von Kindheit an immer einsam gewesen. Sie
verehrt Sappho über alles und möchte ihr in keiner Weise Schaden zufügen. Sie
ist erst 15 Jahre alt und darum auch noch sehr unerfahren. Als auch sie sich in
Phaon verliebt, ist eine Katastrophe schon vorauszusehen.
„Sappho“ ist ein Versdrama in 5
Aufzügen, welche weiter in Auftritte unterteilt werden. Das Versmaß ist der
Jambus und jeder Zeilenanfang wird groß geschrieben, egal, ob es sich bei dem
Wort um ein Hauptwort handelt, oder nicht. Dieses Werk soll einen Gegensatz von
Kunst und Leben darstellen, auf dem die Charaktere wirken.
Mir persönlich hat das Werk sehr gut
gefallen, da es von der ersten bis zur letzten Seite spannend war. Dank der
Ausdrucksweise von Grillparzer konnte ich mir eigentlich ein sehr gutes Bild
erschaffen. Obwohl ich anfangs leichte Probleme mit der doch etwas
ungewöhnlichen Schreibweise hatte, habe ich mich dann schnell damit
zurechtgefunden. Am besten hat mir gefallen, wie Grillparzer den Unterschied
zwischen Dichter und normalem Bürger schildert. Die Dichter konnten zwar
einerseits, sofern sie gute Werke schrieben, den Ruhm in der Öffentlichkeit
genießen, konnten sich aber andererseits nicht in die Gesellschaft der
damaligen Zeit einfügen. Deshalb kann man sich vorstellen, daß die Dichter im
Inneren sehr alleine und einsam waren, auch wenn nach außen alles perfekt
schien. (Damit konnte sich Grillparzer auch selbst identifizieren)
Ein Gegenentwurf bzw. ein Happy End
ist in diesem Werk unmöglich, da man sich leider nicht aussuchen kann, in
welche Person man sich verliebt. Sappho war über alles in Phaon verliebt, doch
da dieser Melitta liebte und sie seine Liebe erwiderte, hätte es, wenn Sappho
sich nicht selbst das Leben genommen hätte, vielleicht noch ein viel
tragischeres Ende gegeben, da Sappho sicher wieder versucht hätte, Melitta zu
töten. So hat Grillparzer meiner Meinung nach eigentlich noch den besten Schluß
für sein Werk gefunden.
Dieses Werk ist heute genauso aktuell
wie vor hundert oder tausend Jahren, da es die Probleme >Mann zwischen zwei
Frauen> oder umgekehrt schon immer gegeben hat. Wenn man wissen will, ob
diese Werk auch heute noch aktuell ist, braucht man eigentlich nur den
Fernsehapparat einschalten, da mindestens jeder dritte Film v0on solchen
schwierigen Situationen handelt.
Aber die Liebe bzw. die daraus
folgende Eifersucht kann noch viel schlimmere Folgen haben, wie uns die in der
letzten Zeit immer mehr werdenden „Familiendramen“ zeigen.